Das Dorf Draganovo – Leben in der Provinz Bulgariens

Draganovo liegt an einer Landstraße, die zwei Kleinstädte miteinander verbindet. Da es in einiger Entfernung noch eine parallel laufende Bundesstraße gibt, ist es dennoch sehr ruhig. Die nächste richtige Stadt, Gorna Orjahovica, ist 15 Kilomenter entfernt, die nächst größere Stadt ist Veliko Tarnovo mit 25 Kilomenter Entfernung. Aber nun genug davon was entfernt ist, ich will das Augenmerk doch auf das Leben im Dorf legen.
Mit seinen knapp 2700 Einwohnern zählt Draganovo zu den größeren Dörfern Bulgariens (laut Wikipedia auf Platz 56 Landesweit). Auch wenn seit der Wende und der Rezession in den 1990er Jahren viele Geschäfte und Gaststätten geschlossen und Verstaubt sind, ist die Infrastruktur im Dorf immer noch so gut, das man hier leben kann, fast ohne das Dorf für wichtige Besorgungen verlassen zu müssen. Es gibt Bekleidungs- Allerlei- und Lebensmittelgeschäfte, kleine Baumärkte, Cafes und Restaurants. Auch die Bücherei und die Post arbeiten täglich. Um das Gesundheitswesen kümmern sich zwei Ärzte, eine Apotheke und für die ganz schlimmen Fälle eine Tierarztpraxis. Das einzige was wirklich fehlt, ist ein Geldautomat.
Aber dem allem zum Trotz ist die wichtigste Nahrungsquelle, wie es auf dem Land hier üblich ist, der eigene Garten. Man findet im Dorf kaum ein Haus ohne Garten mit allen wichtigen Obst und Gemüsesorten. Üblich sind hierzulande Tomaten, Paprika, Pepperoni, diverse Melonen, Gurken,Hülsenfrüchte und Salat etc. Und natürlich Kartoffeln. Wir selber haben es zusätzlich dieses Jahr relativ erfolgreich geschafft, Erdnüsse zu ziehen. Auf dem Bäumen wachsen verschiedene Obstsorten, inklusive Aprikosen und Pfirsiche, sowie Nüsse. Viele Gärten, aber auch Strassen sind den Sommer über mit Rosen beschmückt. Sehr Prominent sind zudem Weinreben. Wie anderswo auch wird ein Großteil der Ernte für den Winter konserviert, meistens durch Einkochen. Die beliebteste Konservierungsmethode, vorallem für Pflaumen und Weintrauben ist die Umwandlung der Früchte in Rakija, den berühmten bulgarischen Schnaps. In Bulgarien hat die private Schnapsbrennerei eine lange Tradition , und so bereitet fast jeder Familie ihren eigenen Selbstgebrannten zu, der natürlich der Beste im ganzen Land ist.
Schon früh beginnt man sich in hier für den Winter zu rüsten, die Ofenrohre zu putzen und das Brennholz zu beschaffen. Holz ist das bevorzugte Heizmittel in den Dörfern, Heizöl selten und Gas so gut wie gar nicht. Hier und da mag es einige Leute geben, die mit Stromradiatoren oder Klimaanlagen heizen, aber außerhalb der Plattenbauten in der Stadt gib es das ehr weniger.
Aproposs Wohnblock. Sowas gibt es hier im Dorf natürlich nicht, auch Mehrfamilienhäuser sind die Ausnahme. Anders als in vielen anderen Dörfern im Land sind hier in Draganovo die meisten Häuser bewohnt, ich würde die Anzahl leerstehender Gebäude auf 20% schätzen. Der Ausblick in die Zukunft ist hier bei der gegenwärtigen Lage allerdings katastrophal, da die meisten Einwohner im Pensionsalter sind und der demographische Wandel seine Spuren hinterlassen wird. Dennoch gibt es hier in Draganovo ausreichend Leute im erwerbsfähigen Alter, um die Infrastrukur am Leben zu erhalten.

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