Alltag in Deutschland und Bulgarien – Ein direkter Vergleich

Vor kurzem hatte ich ,wie fast jeden Sommer, für einige Tage die Gelegenheit, das Leben in Deutschland im Alltag  zu erleben. Dieses mal habe ich gezielt auf Unterschiede – und Gemeinsamkeiten – geachtet. Hier das Ergebnis:

Individualismus

Das erste was mir aufgefallen ist, das es in Deutschland viel mehr Individualisten gibt. Leute, die sich durch Kleidung, Frisur, Auto, Sprache oder Verhalten von der breiten Masse abheben wollen. Wenn man an der richtigen Stelle kuckt, kann man auf 7 Meter Straße 2 Punks,1 Gothic, 3 Hippies und einen Clown finden.  In Bulgarien gibt es das zwar auch, aber sehr viel seltener. Die Bulgaren streben in der Regel alle ein und das selbe Schönheitsideal an, das durch Film und Fernsehen und die landeseigene “Chalga”-Popkultur  hochgehalten wird. Viele Bulgaren leben nach dem Motto “Bloß nicht auffallen”.

Ordnung

Das erste was andersherum einem Deutschen in Bulgarien auffallen würde ist die fehlende Ordnung. Und hiermit meine ich noch nicht einmal nur das allgegenwärtige Müllproblem Bulgariens oder die aufgrund mangelnder finanzieller Mittel oft katastrophalen Zustände der öffentlichen Gebäude und Flächen. Der ganze Alltag in Deutschland läuft geordneter ab, man weiß, wo man hingehen muss um das Gewünschte zu bekommen oder zu erreichen. Auch wird in Deutschland viel mehr Zeit und Energie in die Einhaltung der (öffentlichen) Ordnung gesteckt. Salopp gesagt, während der Deutsche noch den Rasen mäht sitzt der Bulgare schon in der Kneipe bei Kebabche und Rakia.
Das hat natürlich auch Einfluss auf die Einhaltung der öffentlichen Ordnung, die Einhaltung von Recht und Gesetz. Sogenannte Ordnungswidrigkeiten werden in Bulgarien kaum oder gar nicht geahndet bzw. nicht angezeigt, was dazu führt, dass man auf der einen Seite nicht für den verstoß gegen Gesetze und Vorschriften belangt wird, die sich auch mit einem einfachen Gespräch lösen lassen, auf der anderen Seite aber auch, dass bei einem einfachen Streit oder Problem nicht immer der Weg  über die Ordnungshüter genutzt werden kann. Das führt natürlich zu einem ganz anderen Rechtsverständnis:   Kinder in der 4. Klasse in Deutschland kennen oftmals schon Ihre Grundrechte, etwas, woran man in Bulgarien vollends den Glauben verloren hat.

Straßenverkehr

So nett und Freundlich die Bulgaren auch sein mögen, auf der Strasse herrscht der Egoismus. Gefühlt einer von zehn Verkehrsteilnehmern meint, die Straßen seien nur für ihn gemacht und bewegt sich ungeachtet aller anderen Verkehrsteilnehmer, Geschwindigkeitsbegrenzungen und (Überhohl-) Verbote über teilweise Stark befahrene Straßen. Dem gegenüber stehen Senioren hohen Alters, die ihr Fahrzeug im Schneckentempo über die Landschaften tragen und nahezu zum Stillstand kommen, sobald sich ein anderes Fahrzeug nähert. In der Stadt ist diese Gruppe meist heillos überfordert. Polizeistreifen findet man zwar an jeder Ecke (gefühlt häufiger als in Deutschland) und die Strafen sind enorm, dennoch versuchen viele Autofahrer häufig Ihr Glück. Hinzu kommt der schlechte Zustand der Straßen und der oft noch schlechtere Zustand der Autos. In Bulgarien gibt es zwar jährlich eine Art TÜV-Prüfung, aber ein KFZ das lenken, bremsen und leuchten kann hat nichts weiter zu befürchten. Das traurige Resultat sind Unfälle, Verletzte und Tote. Fast täglich hört man in dem 6-Millionen-Einwohner-Land von Leuten, die auf der Straße den Tot gefunden haben. 

Stadt- bzw. Dorfbild 

Jedesmal, Wenn ich durch mein Heimatdorf im gemütlichen Westfalenlande schlurfe, deprimiert es mich etwas: Schöne Häuser, gepflegte Vorgärten und Carports voll mit Familienkutschen. Aber auf der Straße sieht man niemanden, höchstens mal einen Vater, der seinen Hund ausführt. Aber auch mit dem ist außer einem “Guten Tag” im vorbeigehen oft nicht viel anzufangen. In Bulgarien ist das anders. Vor vielen der kleinen Läden des täglichen Bedarfs, die an jeder Ecke zu finden sind Tische und Bänke aufgestellt, an denen man sich nach dem Einkauf niederlässt und sich  austauscht, alle paar hundert Meter steht ein SB-Kaffeeautomat und  vor vielen Wohngebäuden stehen Bänke an der Strasse, auf denen sich Bewohner und Nachbarn zum Tratsch niederlassen.  Viele meiner bekannten (und ich schließe mich da gar nicht aus)  treffen sich nach der Arbeit unverabredet in der Kneipe. Neben den belebten Strassen gibt es noch einen weiteren, weniger schönen Punkt: Der oftmals Desolate Zustand der Bügersteige, verfallenene Wohngebäude für die sich niemand mehr zuständig fühlt und mangelhaft gepflegte Grünanlagen, nicht selten mit Müll und Unrat übersät. Hier fühlen sich die Rudel von Strassenhunden und -katzen am wohlsten, die oftmals auch durch die Orte  ziehen und hoffen, das der ein oder andere Passant etwas essbares Fallen lässt.      

 

 

 

2 thoughts on “Alltag in Deutschland und Bulgarien – Ein direkter Vergleich

  1. Guten Tag Björn, ich bin Martin, Rentner und schätze Bulgarien sehr. Deinen Blog mit den Informationen über das Land habe ich mit großem Interesse gelesen. Ganz besonders angetan bin ich von Deinen realistischen Einschätzungen über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Probleme und das „normale Leben“ hier. Auch finde ich es bemerkenswert, daß Du Dir Dein Zuhause abseits von den Touristendestinationen, in einem ganz typisch ländlichen Umfeld ausgesucht hast. Das ist nun wahrlich nicht vergleichbar mit den Verhältnissen in Deutschland. Insofern muß man umdenken, sich darauf einlassen und ganz gewiss bulgarisch sprechen können. Du hast das seit 12 Jahren mit Deiner Familie geübt und bist inzwischen sicher in Draganovo „eingemeindet“. Ein bissel beneide ich Dich, weil ich mich zu diesem Schritt der Umsiedlung nie durchringen konnte und inzwischen dafür zu alt bin. Aber ich schätze Land und Leute sehr und verbringe seit über 40 Jahren die meisten Urlaube kreuz und quer in fast allen Regionen Bulgariens. Deshalb kenne ich auch Veliko Tarnovo, Arbanassi, Ruse und den traumhaft schönen Naturpark Tscherni Lom mit dem Dorf Tscherwen. Deine Fotos haben mich gleich inspiriert, diese mit meinen Aufnahmen zu vergleichen und in den Erinnerungen zu schwelgen. Ich hoffe sehr, daß Corona mir dieses Jahr nicht alle Reiseambitionen vermasselt. Habe ich doch schon alles organisiert und teilweise gebucht. Nun, die Hoffnung stirbt zuletzt.
    Ich möchte mich für Deine Informationen bedanken und Dir und der Familie alles erdenklich Gute in der nicht mehr ganz so neuen Heimat wünschen. Und ich freue mich natürlich über neue Infos in Deinem Blog. Beste Grüße aus Thüringen von Martin.

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